Frank Litterscheid
Ein Vorspiel zu "Julius Cäsar"


Aktualisiert am
8. Januar 2012
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Noch keine 19 Jahre alt, arbeitete Hans Rott mit Ein Vorspiel zu "Julius Cäsar" im April 1877 bereits an seinem dritten Werk mit Bezug zum Theater.

Wenige Monate zuvor hatte Rott am 29. November 1876 mit der Reinschrift seiner Hamlet-Ouvertüre begonnen, deren erste Entwürfe bis in den Juli desselben Jahres zurückreichen, doch nach wenigen Seiten reißt die Partitur ab, obwohl der Klavierentwurf vollständig zu sein scheint.

Parallel dazu komponierte er von Sommer bis Herbst 1876 an einer Oper. Ihr Titel, Herrmannsschlacht [sic], bezieht sich mit ziemlicher Sicherheit auf Kleists gleichnamiges Drama. Allerdings ist Rotts einziges Opernprojekt vermutlich bereits im Ansatz stecken geblieben, denn es sind nur wenige fragmentarische Aufzeichnungen dazu überliefert.

Wann genau die Arbeiten an Ein Vorspiel zu "Julius Cäsar" begannen, lässt sich nicht genau sagen. Das erste genannte Datum in diesem Zusammenhang ist der 10. April 1877. Da das Datum auf der ersten Seite der ersten Partiturniederschrift steht, ist anzunehmen, dass sich Rott schon zuvor mit dem Werk beschäftigt hat, zumal bereits 20 Tage später die letzte von 18 Partiturseiten erreicht ist. Sie trägt das Datum 30. April 1877. Unbekannt ist, zu welchem Zeitpunkt Rott seine Reinschrift der Partitur anfertigte und wann er die Einzelstimmen schrieb. In jedem Fall ist Ein Vorspiel zu Julius Cäsar sein erstes bekanntes, vollständig ausgeführtes Werk der Gattung Schauspielmusik und nach dem Orchestervorspiel (beendet am 7. November 1876) vermutlich überhaupt erst Rotts zweites komplettes Werk für Sinfonieorchester. Und schon hier findet man Kompositionstechniken, die er später in seiner Symphonie Nr. 1 E-Dur benutzt und verfeinert hat. Sogar der Beginn des Hauptthemas der Symphonie könnte aus dem "Cäsar"-Thema ab T. 10 entwickelt worden sein.

Keine zwei Monate später beginnen die Aufzeichnungen zum vierten und letzten Werk mit unmittelbarem Bezug zum Theater, wobei dieser Zusammenhang später von Rott bewusst unkenntlich gemacht wurde. Aus dem ursprünglichen Titel Ein Vorspiel zu Elsbeth wurde im Juni 1880 das Pastorale Vorspiel. Neben der Symphonie und einem Streichsextett wollte Rott vermutlich dieses Vorspiel für das Staatsstipendium einreichen.

Mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass sich Rott recht früh mit dem Musiktheater beschäftigte, so stellt sich doch heraus, dass sich diese Gattung für ihn geradezu aufgedrängt haben muss, denn Hans Rott wuchs im Theatermilieu auf. Sein Vater, Carl Mathias Rott, war ein berühmter Schauspieler und Gesangskomiker, seine Mutter, Maria Rosalia Lutz, eine ebenfalls anerkannte Schauspielerin und Sängerin. Dazu kam Rotts große Verehrung für Richard Wagner. 1875-1879 war Rott Mitglied im Wiener akademischen Wagner-Verein und im August 1876 besuchte er die ersten Bayreuther Festspiele (u. a. mit Anton Bruckner). Schon am 2. März 1876 erlebte er eine von Wagner dirigierte Aufführung des Lohengrin in Wien.

Damit soll Rotts Affinität zum Musiktheater grob umrissen sein. Dass er sich den zuvor genannten Dramen widmete, mag mehrere Gründe haben. So wurde zwischen dem 25. September und 5. Oktober 1875 Shakespeares Julius Cäsar im Theater an der Wien neunmal gespielt, 99-mal am Burgtheater zwischen dem 27. Mai 1850 und 2. Juni 1912. Die Hermannsschlacht kam im Theater an der Wien zwischen dem 15. und 27. Oktober 1875 elfmal zur Aufführung. Dieses Werk befand sich nachweislich in Rotts Bibliothek. Es ist auch bekannt, dass Rott über Shakespeare-Ausgaben verfügte. Damit dürften ihm Hamlet und Julius Cäsar ebenfalls vorgelegen haben. Allein der Titel Elsbeth konnte bisher nicht zweifelsfrei zugeordnet werden.

Im Zusammenhang mit Richard Wagner stellt man bei Rotts Schauspielmusiken eine Besonderheit fest. Es sind die einzigen Orchesterwerke aus jener Zeit, in denen Rott eine Tuba verwendet. Sie taucht erst später, in einem Stimmensatz zu seiner Symphonie Nr. 1 E-Dur wieder auf. Rott dürfte den Gebrauch der Tuba in Wagners Werken kennen und schätzen gelernt haben.

Erhalten sind eine autographe Partitur, eine autographe Partiturabschrift (mit teils wesentlichen Änderungen), autographe Einzelstimmen sowie Abschriften der Streicherstimmen, teils mit autographen Eintragungen; sie befinden sich sämtlich in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

Frank Litterscheid


Titelblatt der bei Doblinger erschienenen Edition von Frank Litterscheid

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