Bert Hagels
Zur Entstehung der Symphonie Nr. 1 E-Dur

(1. Teil)


Aktualisiert am
8. Januar 2012
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Die Entdeckung des Komponisten Hans Rott ist zu Recht als "die musikwissenschaftliche Sensation der 1990er Jahre"1 bezeichnet worden. Insbesondere seine erst vor zwei Jahrzehnten wieder aufgefundene und 1989 uraufgeführte einzige vollendete Symphonie erregte Aufsehen, weist sie doch vielfältige Parallelen zur Symphonik von Rotts Studienfreund Gustav Mahler auf und antizipiert somit wesentliche Elemente eines symphonischen Stils, als dessen Urheber bislang ausschließlich Mahler galt. Thematische, harmonische, und strukturelle Konvergenzen mit Mahlers zweiter, dritter und fünfter Symphonie sind nachgewiesen worden.2

Hans Rott wurde am 1. August 1858 in Wien geboren; nach Privatunterricht, Gymnasium und einem zweijährigen Intermezzo an einer Handelsschule bezieht er zum Wintersemester 1874/75 das Wiener Konservatorium; seine Lehrer sind u. a. Hermann Grädener, Franz Krenn und Anton Bruckner. Sein Abschlussdiplom erhält er im August 1878. Neben vielfältigen Plänen, Skizzen und Entwürfen entstehen in Rotts Konservatoriumszeit abgeschlossene Kompositionen, eine Symphonie für Streichorchester (Nr. 37; 1874/75)3, Lieder, ein Orchestervorspiel (Nr. 32; 1876), ein Vorspiel zu Julius Caesar (Nr. 40; 1877) und eine zweisätzige Orchestersuite (Nr. 33; 1878).

Der früheste Hinweis auf die E-Dur Symphonie findet sich im Brief Rotts an seinen Freund Heinrich Krzyzanowski vom 6. Mai 1878:

"Das nun mich zunächst in Beschlag nehmende ist der bevorstehende Jahresabschluß im Conservatorium, für den ich noch nichts fertig habe; die Partitur des zweiten Satzes einer Suite für Orchester werde ich bald vollendet haben und hiedurch wäre ich für die Prüfung, welche am 27. Mai stattfindet gedeckt; was die für den allfälligen Concurs in Angriff genommene Symphonie anbelangt, so bin ich bei derselben über das Hauptthema noch nicht hinausgekommen. [...] umsomehr aber setze ich alles an die Erreichung der Abfertigung durch meine Symphonie, welche von meiner 500 fl-Begeisterung kraftvoll strotzen wird."4

Der Kompositions-Abschluss am Wiener Konservatorium bestand in einer Kompositionsprüfung, die für den 27. Mai angesetzt war, und für die Rott eine Suite für Orchester5 einzureichen gedachte, und einem Kompositionswettbewerb, von Rott "Concurs" genannt, für den er eine Symphonie "in Angriff" genommen hatte, und dessen erfolgreiche Absolvierung ihm die stolze Summe von 500 Gulden (fl = Florentiner Gulden) einbringen sollte. Rott stand unter erheblichem Zeitdruck, wie er dem gleichen Freund am 18. Mai berichtet; gleichzeitig erwähnt er genauere Details über den Zusammenhang von Kompositionsprüfung und "Concurs":

"Was mich anbelangt, so bin ich in einem gedrückten Zustand, doch gedrückt in des Wortes flachster, eckelhaftester Bedeutung. Montag den 27. dM ist Composizionsprüfung, wozu ich Dienstag (gleich Rudolf [sc. Krzyzanowski; Bruder des Adressaten]) die erste Probe halten soll. Morgen Sonntag kommt der Copist und ich habe kaum die Hälfte meiner Stimmen abgeschrieben daher der größere Teil für heute Nacht entfällt. Du begreifst hiemit vollkommen meine Gedrücktheit; doch nimmt sie einen ernsten Charakter an, wenn Du folgendes erfärst, das ich für weiter unten mir aufgespart - Obgenannte Prüfung dürfte heuer ganz schmählich ausfallen nach dem Prognosticon, das Hellmesberger gestellt. Er gedenkt nämlich jedes Prüfungsstück nur einmal durchspielen zu lassen, sind über 6 Fehler darin enthalten wird die Partitur der hochlöbl. Prüfungscomißion vorgelegt. Überdiß soll strenge auf diesem Wege vorgegangen werden, um nur die besten zum Concurse zuzulassen. Rudolf bringt zur Prüfung opus aeternum "Zacconi" und zum Concurse Symphonie 1. Satz. Meins hängt noch in der Luft."6

Wir erfahren, dass Rott kaum 10 Tage vor dem Prüfungstermin am 27. Mai damit beschäftigt ist, die Stimmen seiner Suite auszuschreiben, des weiteren, dass er einen Kopisten für Sonntag, den 19. Mai, bestellt hat, und dass die erste Probe auf Dienstag, den 21. Mai, festgelegt ist. Offensichtlich will Rott die Stimmen fertig kopiert haben, bevor der Kopist kommt; diesem obliegt also entweder die Aufgabe, weitere Duplikatstimmen oder eine Reinschrift der Partitur zu erstellen. Darüber hinaus teilt Rott mit, dass zum "Concurs" nur zugelassen wird, wer zu den "besten" gehört, also die Prüfung erfolgreich bestanden hat. Anders als sein Studienkollege Rudolf Krzyzanowski hängt Rotts Beitrag zum "Concurs" noch "in der Luft"; so jedenfalls lässt sich das "meins" im letzten zitierten Satz nur beziehen, da Rott seinen Beitrag für die Prüfung am 27. Mai, die Suite für Orchester, fertig komponiert hat und nun mit der Abschrift beschäftigt ist. Er ist also mit seinem Symphoniesatz noch nicht weiter gekommen. Drei Tage nach der Prüfung, am 30. Mai, teilt Rott dem Freund deren Ergebnis mit und berichtet über die weitere Verfahrensweise:

"Ich war bis jetzt und bin teilweise noch in dem eckelhaften Prüfungstrubel befangen aus dem ich bis nach dem Concurse mich kaum werde retten können. Am 1. Juni Prüfung der Geschichte der Musik und am 15. Juni aus Literaturgeschichte. Das Prüfungsergebnis [sc.: vom 27. Mai] ist ein schmäliches gewesen, wir wurden nämlich, mit Rücksicht auf den Umstand, daß wir alle als Schüler des 2. Jahrganges absolviren samt und sonders zum Concurs zugelassen. Bei meinem Prüfungsstücke bestach hauptsächlich der Umstand, daß ich die ‚Wagnerei' aufgegeben, wofür ich mit der Concurs-Licenz belohnt wurde! Mein Symphoniesatz ist noch immer nicht nur einen Schritt weiter gediehen als bei meinem letzten Schreiben. Ich denke das Thema überhaupt für eine außerconcursiale Composition aufzuheben und einen ‚feurigeren' Satz, als der zu werden verspricht, zu schreiben, da mir Krenn bereits gesagt hat, ich solle das Thema kürzen. Wenns in der Art, wie bis jetzt, weiterget, so werde ich weder etwas ‚feuriges' noch was anderes fertig bringen [...]. Doch muß ich all mein Augenmerk auf den Concurs richten können, wegen der Abfertigung."7

Die Prüfung hatte er erfolgreich bestanden, wenn auch mit dem Wermutstropfen, dass alle Prüflinge für den "Concurs" zugelassen wurden, und das auch noch aus dem formalen Grunde, dass alle im gleichen Jahrgang das Konservatorium zu absolvieren gedachten! Sein Selbstbewusstsein als Komponist war erwacht, der "Concurs" nun nicht mehr das einzige Ziel, das er mit der Komposition der projektierten Symphonie erreichen wollte. Die Bedenken seines Kompositions-Professors Franz Krenn bestärkten ihn nur in der Absicht, eine ‚feurigere' Komposition zu schreiben, was wohl so zu interpretieren ist, dass Rott die engen Regeln akademischen Komponierens glaubte hinter sich lassen zu können, angesichts der (in Früh- und Endfassung identischen) Ausmaße des Hauptthemas von 28 Takten allerdings kein verwunderlicher Vorsatz. Aus praktischen Gründen behält er den "Concurs" dennoch fest im Auge; offensichtlich ist er in Geldnot und hofft auf die "Abfertigung", die Auszahlung der letzten Rate seines Stipendiums, die offenbar an die Bedingung geknüpft war, dass Rott sein Studium am Konservatorium erfolgreich beendet.

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